Mainstream gegen Kundenschwund?

Logo Buchmesse Frankfurt 2017Branchen-Talk mit Fragezeichen
Die avj – Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen lud zur Podiumsdiskussion in Halle 3 ein. Unter dem Titel Ist Mainstream die richtige Antwort auf den Kundenschwund? spürte Moderator Dr. Torsten Casimir (Chefredakteur Börsenblatt) den Fragen nach, ob und wie die abnehmenden Kundenzahlen im stationären Buchhandel mit dem Angebot im Kinder- und Jugendbuchbereich zusammenhängen. Welche Rolle spielen dabei Mainstream-Titel und verändertes Kaufverhalten? Schließt „Nummer sicher“ das Originelle tatsächlich aus?
Diskussionsteilnehmer waren neben Verlegerin Monika Osberghaus (Klett Kinderbuch), der freie Berater Volker Busch (ehemals Verleger Egmont Verlagsgesellschaften, Köln), die auf Buch- und Verlags-PR spezialisierte Henrike Blum (Literaturbüro Wien) und Buchhändlerin Wiebke Schleser (Inhaberin BuchSegler, Berlin).

Was ist Mainstream?
Ziemlich schell stand die Frage im Raum: Was genau bedeutet überhaupt der Begriff Mainstream bezogen auf den Buchmarkt? Bestseller? Me-Too-Produkte? Masse statt Klasse? Beliebige Austauschbarkeit der Titel? Hohe Verkaufszahlen? Geschmack einer großen Mehrheit?
Grübeln in der Runde. Die Teilnehmer diskutierten, was sie unter Mainstream verstehen, Dr. Casimir bildete eine gemeinsame Schnittmenge: Bücher, die dem aktuellen Zeitgeist entsprechen.
An diesem Punkt hätte mich interessiert, was avj-Vorsitzende Renate Reichstein darunter verstanden hat, als die Arbeitsgemeinschaft den Titel für die Veranstaltung formulierte.

Keine bequeme Lösung in Sicht
Der Kundenschwund im Einzelhandel ist branchenübergreifend und vielschichtig. Die Digitalisierung krempelt Markt und Menschen um. „Junge Mütter bestellen online“, stellte Osberghaus fest. Als große Kundengruppe fehlten sie in den Läden. Das Konsumverhalten habe sich verändert. Blum erklärte, dass Geschichten so alt seien wie die Menschheit selbst – es gab sie schon immer und wird sie immer geben -, lediglich das Transportmittel ändere sich. Bücher müssten sich die begrenzte Freizeit mit anderen Medien teilen. Die Konkurrenzsituation sei verschärft. Schleser merkte an, dass die Lesewünsche der Kinder sich keineswegs mit den Vorstellungen der Erwachsenen deckten, was sie lesen sollten. Busch fügte hinzu, dass die Verlags-Entscheider am Ende meist für sich selbst produzierten und dabei ihre eigene Kindheit im Sinn hätten, die oft weit von dem entfernt sei, was Kindheit heute bedeute.

iBrains oder Die Jugend von heute
Als von iBrains gesprochen wurde, lachten links neben mir drei junge Männer dieser Generation. Fürs Verständnis: Die Marktforschung fasst unter der Bezeichnung iBrains die Jahrgänge 1997-2011 zusammen. Busch äußerte sich kritisch: Die Verlage suchten zu wenig direkten Kontakt mit der Zielgruppe und vertrauten zu sehr auf die Ergebnisse der Marktforscher.

Gleichzeitig fragte ich mich: Warum reden die Teilnehmer vorne über die jungen Leute statt mit ihnen? Warum wird Podium geplant und nicht Dialog mit dem Publikum? Das wäre spannend gewesen. Und warum finden sich weder Leseförderer noch AutorInnen in den Reihen der Diskussionsteilnehmer? Auch sie hätten sicher Interessantes zu sagen.

Gedanken zum Schluss
Je austauschbarer oder anonymer Titel sind, desto beliebiger werden Bücher. Sie verlieren ihre Einzigartigkeit. Wird das Kulturgut Buch aussterben? Das glaube ich nicht. Die Buchhandlungen? Möglicherweise. Ein Blick auf die Videotheken verheißt jedenfalls nichts Gutes.

Was nehme ich für mich persönlich mit?
Wer als AutorIn offen und beweglich bleibt, ein Profil besitzt, authentisch ist, sich vor neuen Kanälen, Formaten, Medien und dem Kontakt mit seiner Zielgruppe nicht scheut, wird für seine Geschichten auch in Zukunft einen Platz auf dem Markt finden. Geschichtenerzähler sterben nicht aus.