Vorlesegenuss für die ganze Familie?

Eltern und Großeltern, die Vorlese-Romane für Sechs- bis Achtjährige suchen, stoßen meist auf altbekannte Titel. Wo sind neue Geschichten, die Figuren mit Identifikationspotenzial und emotionaler Nähe bieten? Starke Hauptcharaktere, an die sich Kinder binden? Bücher, die nicht nach wenigen Seiten und wegen großer Buchstaben schnell ausgelesen sind? Mit denen Kinder – aber auch Vorlesende – spannende, vielschichtige und lustige Abenteuer erleben? Warum bieten Verlage (momentan) wenig Anspruchsvolles für Kinder ab sechs Jahren?

Diesem Thema widmet Anne Böhme, Journalistin und Kinderbuchautorin, einen Beitrag. Jüngst in der Stuttgarter Zeitung unter dem Titel Warum gute Vorlesebücher selten sind – Verlage bieten nur Lektüre-Häppchen erschienen.

Die Fachzeitschrift Eselsohr verweist auf den Artikel von Böhme und beklagt die Schnelllebigkeit des Kinder- und Jugendbuchmarktes. Verlage würden zu viel in zu kurzer Zeit erwarten. Bis ein Buch besprochen und vorgestellt, von Büchereien eingekauft und von Eltern entdeckt wurde, ist es oftmals schon aus dem Handel verschwunden. Eselsohr fragt auf Facebook: Warum mag der Kinder- und Jugendbuchmarkt so ungeduldig sein und so schnell aufgeben?

Als Beispiel für eine positive Entwicklung sehe ich die Sparte Vorlesebücher bei dtv junior. Die Bezeichnung Kinderbücher zum Vorlesen bietet Eltern und Großeltern eine hilfreiche Orientierung im Bücherdschungel. Die neuen dtv-Vorlese-Romane ermöglichen es, in Lesewelten einzutauchen und dort zu verweilen. Damit vermitteln sie Kindern auch das Gefühl von Familienzeit und Gemütlichkeit. Es scheint, als habe der Verlag die Bedürfnisse der Käufer*innen im Blick.


Vorlesestudie 2018
Regelmäßiges Vorlesen erleichtert Grundschülern das Lesenlernen
Vorlesen: Uneinholbares Startkapital

Rund 78 Prozent der Kinder, denen mehrmals in der Woche oder täglich vorgelesen wurde, fällt das Lesenlernen leicht. Bei den anderen ist das laut ihren Eltern deutlich seltener der Fall (50 Prozent). Fragt man die Kinder selbst, ist sogar mehr als die Hälfte der Grundschüler mit wenig Vorleseerfahrung frustriert, weil das Lesenlernen ihnen zu lange dauert (52 Prozent), gegenüber nur 28 Prozent derjenigen, denen regelmäßig vorgelesen wurde.

Gefragt wurden die Kinder auch, welche außerunterrichtlichen Angebote zur Leseförderung sie an ihren Schulen kennen. Bundesweit konnte fast jeder vierte Grundschüler (23 Prozent) kein entsprechendes Merkmal nennen – also weder Büchereien oder Regale, wo man Bücher leihen kann, noch Leseecken oder Buch-AGs.

Auf die Frage, was ihnen in der Schule Spaß macht, nennen 57 Prozent der Kinder das Lesen. Noch öfter genannt werden praktische Inhalte wie Natur/Umwelt (77 Prozent) und Forschen/Experimentieren (67 Prozent) oder Malen/Basteln und Sport/Bewegung (jeweils 61 Prozent).

Quelle Text und weitere Informationen: https://www.stiftunglesen.de/forschung/forschungsprojekte/vorlesestudie

Bundesweiter VorlesetagAm 16.11.2018 findet der 15. Bundesweite Vorlesetag statt.

Mein Buch-Tipp im Eselsohr

Eselsohr – Fachzeitschrift für Kinder- und Jugendmedien
Im Juni las ich in der Zeitschrift Eselsohr einen interessanten Beitrag von Kathrin Köller, Autorin, Fachjournalistin und erfahrene Bücherfrau. Köller spürte der Frage nach, ob und wie unsere multikulturelle Realität in Kinderbüchern dargestellt wird. Sofort fiel mir damals als positives Beispiel das Vorlesebuch von Anne Böhme ein: Eddi Error – Unser Roboter krempelt alles um.
Eine E-Mail ging an die Redaktion der Zeitschrift. Nichts geschah. Bis heute Mittag.

Eselsohr Ausgabe September 2017Bis mich eine liebe Freundin auf eine Rezension mit der Überschrift „Unbedingt lesen!“ in der druckfrischen Eselsohr-Ausgabe verwies.

„[…] Kinder ab sechs Jahren jedenfalls und ihre erwachsenen Vorleser werden den Roman von Anne Böhme lieben. Den absoluten Kindskopf Eddi mit seiner Robotersprache muss man einfach mögen, allerspätestens wenn man die Illustrationen von Susanne Göhlich entdeckt, die den kleinen Helden mit Antennen und Knöpfen und einer ganzen Palette an kindlichen Gefühlen ausstattet. Ihre liebevollen Charaktere ergänzen den Charme des sehr dialogischen Textes auf wundervolle Weise. Eddi Error zaubert etwas Fantastisches in unseren Familienalltag. Unter Mithilfe übrigens vom Nachbarsjungen Araad und dem türkischen Gemüsehändler Herrn Sen, die eine feste Größe im Leben der Kinder sind und ohne die der Showdown am Schluss nicht so erfolgreich ausgegangen wäre. Eddi Error wurde uns von Leserin Kerstin Hau nach der Lektüre des Artikels zu „Diversität im Kinderbuch“ empfohlen. Und sie hat Recht, hier stimmt einfach alles. Vielen Dank für diesen tollen Tipp. Kathrin Köller“
Quelle: Köller, K. (2017): Rubrik Erlesen „Unbedingt Lesen!“. Eselsohr. München: Leseabenteuer GmbH. 36 Jg., Heft 9, S. 22.

Wow!, dachte ich. Das freut mich. „Gern geschehen, Frau Köller.“

Vorlesebuch für Minimenschen

Vor 25 Jahren erblickte, viel zu früh und mit nur 900g Geburtsgewicht, mein Patenkind das Neonlicht der Kinderintensivstation. Eine Handvoll Leben, um das wir gezittert haben. Seine Eltern erlebten ein Auf und Ab der Gefühle. Gott sei dank wurde aus dem winzigen Menschlein ein junger Mann, der munter seinen Weg geht, gerne feiert und Motorrad fährt.

Das Buch Eine Stimme für Frühchen – Geschichten zum Vorlesen am Inkubator erinnert mich an diese Zeit. Hätte es das Buch damals gegeben, hätte ich es den Eltern meines Patenkindes geschenkt.
Besondere Kinder brauchen mutige Eltern. Besondere Bücher brauchen mutige Verlage.